11.10.2008 Hawaii - You` are an ironman von - Anke Klimm

Majestätisch schwimmen sie unter mir her – Delfine. Ich unterbreche sofort meine Kraulzüge, greife nach links, dort schwimmt Claudia. Sie begleitet mich auf meiner Abenteuerreise nach Hawaii und ist für den Trainingsteil „Schwimmen“ zuständig, während Rolf, mein Lauffreund vom LT-Bittermark für den Teil „Rad fahren“ und „Laufen“ verantwortlich ist. Claudia hebt etwas aufgebracht den Kopf aus dem Wasser, doch bevor sie etwas sagen kann stottere ich: “D..e..l...f...i...n...e...!“

Heute waren wir fest entschlossen eine lange Trainingseinheit zu absolvieren und dieses mal wollten wir uns von keinem bunten Fisch und keiner Turtel abhalten lassen, in 4 Tagen war Raceday, die Weltmeisterschaft im Ironman auf Hawaii! Claudia und ich hielten uns an den Händen, versuchten die Bilder für immer abzuspeichern. Die Trainingseinheit wurde auf den nächsten Tag verschoben - die Gänsehaut hielt den ganzen Tag.

Noch vor 12 Wochen hätte ich nie daran gedacht, mit Delfinen zu schwimmen. Damals zerplatzten meine Minimalträume, die Qualifikation für Hawaii zu schaffen. Ich war beim Ironman Frankfurt 8. in meiner Altersklasse geworden und da es nur 3 Startplätze für Hawaii gab, hakte ich meinen Traum ab. Schon am nächsten Tag wurde ich eines Besseren belehrt, denn bei der Slot-Vergabe stand ich plötzlich auf der Bühne und erhielt mein Hawaii-Starttäschchen. Einige Sportlerinnen, die vor mir platziert waren, hatten auf die Teilnahme verzichtet?!?!?! Ich nicht!!! Zwar musste ich mir das Startgeld von meinen Vereinskollegen leihen, denn die Startgebühr muss man sofort bezahlen, aber dann hatte das Abenteuer Hawaii freie Bahn.

Die Wochen zwischen Frankfurt und Hawaii verliefen wie im Traum. Die Presse widmete mir ganze Zeitungsseiten und sogar das Fernsehen fand Interesse an meiner Person. Der WDR drehte einen kleinen Film mit mir und einen Tag vor meinem Abflug wurde ich ins ARD-Morgenmagazin nach Köln eingeladen, zum Live-Interview. Alles sehr aufregend. Vor drei Jahren das Kraulen erlernt, 4 Wettkämpfe gesamt und nach der 2. Langdistanz die Quali für Hawaii geschafft – tolle Story – meine Story!

Ach ja, trainieren musste ich auch noch – das war nicht ganz so spaßig, denn da alle meine Freunde ihre Wettkämpfe hinter sich hatten, musste ich viel alleine trainieren, nur die Laufeinheiten konnte ich in netter Begleitung mit den Bittermärkern absolvieren. Der Körper wollte Ruhe, aber Sven mein Trainer wollte Leistung: 45 Minuten Rad mit einem hohen Puls, dann ein 2 km-Tempolauf und das Ganze 4x – scheußlich anstrengend.
Die Reiseplanung stand inzwischen. Uli, mein Mann konnte mich leider nicht begleiten und so machte sich am 01.10.08 eine bunt zusammen gewürfelte Reisegruppe auf, das andere Ende der Welt zu erkunden. Die Gruppe setzte sich zusammen aus meinem Lauffreund Rolf, Claudia, meine langjährige Freundin, die für die Bittermärker in Roth als Schwimmerin jedes Jahr an den Start geht, Claudias Eltern, ihr Sohn Max und ich. Die LT-Bittermarkfahne musste aufgrund des Platzmangels leider zu Hause bleiben, aber mit unseren Vereinstrikots haben wir den Verein würdig auf der Insel vertreten.
Der Flug ging ab Frankfurt, über Chicago, San Francisco und dann Hawaii Big Island. 28 Stunden waren wir unterwegs, 12 Stunden davon im Flugzeug – fast so anstrengend wie der Wettkampf.

Schon an unserem 1. Tag auf Hawaii wollte ich die Schwimmstrecke in Kona kennenlernen. Claudia und Rolf begleiteten mich. Morgens um 7.15 Uhr wurden wir mit einem Shuttle-Bus zum Pier gebracht. Die Schwimmbucht hat mit den hawaiianischen Superstränden nicht viel Ähnlichkeit und so setzte ich etwas enttäuscht meine Schwimmbrille auf. Mit einem Hechtsprung tauchte ich ins Wasser und wollte loskraulen, aber was war da unter mir los? Das Wasser war kristallklar, wunderschöne Korallen, gelbe Fische, hellblauschwarzgestreifte,- ich schwamm in einem Aquarium. Toll! Eigentlich hatte ich genug Infos gelesen und hätte auf die Unterwasserwelt vorbereitet gewesen sein müssen, aber auf die Schönheit der Natur kann man sich nicht vorbereiten. Rolf und Claudia waren genauso begeistert.
Die 9 Tage vor dem Wettkampf verbrachte ich mit etwas Schwimm-, Rad- und Lauftraining, stets begleitet von meinem Betreuerteam. Es blieb auch noch genug Zeit für eine Bootstour, einige wunderschöne Begegnungen mit Riesenschildkröten auf verschiedenen Schnorcheltouren und diverse Shoppingversuche – Lebensmittel: superteuer, Sportkleidung: Fehlanzeige, wenn, nur überteuerte Ironman-Sachen aus China.

Die Aufregung stieg von Tag zu Tag und dann war er endlich da – der World Championchip Raceday! 1814 Athleten - davon 227 deutsche Sportler und nur 38 deutsche Frauen, eine vom LT-Bittermark!!! - wollten den Mythos Hawaii bezwingen und erleben. Schon um 5.00 Uhr fuhr ich mit Claudia zum Schwimmstart. Nach allen üblichen Ritualen setzte ich mich eine ½ Stunde vor dem großen Start in eine ruhige Ecke und genoss die Ruhe.
In den nächsten Stunden war an „Nichtstun“ nicht mehr zu denken. Meine Gedanken gingen nach Deutschland – ob Uli jetzt auch an mich denkt? Um 6.45 Uhr wurden die Profis ins Rennen geschickt und danach waren wir Age Grouper dran. Das wird mein Tag!

Der Wettkampf ist schnell erzählt, denn letztendlich ist es immer das Gleiche. Erst schwimmen, dann Rad fahren, dann laufen. Das Ganze in nicht enden wollenden Distanzen und körperlichen Auf’s und Ab’s. O.k. die Bedingungen auf Hawaii sind sehr hart. Ich wollte aber genau gegen diese Bedingungen ankämpfen - gegen die Wellen und schlechte Orientierung im Pazifik, gegen den Wind mit 70 km/h in den Böen beim Rad fahren und gegen die Hitze mit weit über 30° C beim Marathon. Nur dann hat der Satz von Mike Reilly beim Überqueren der Finish Line: „You’ are an ironman!“ seine Berechtigung.

Das Radfahren war brutal und die ersten Laufkilometer taten weh, aber nach 5 km wurden die Beine locker. Die Dusche von unserm Hotel ließ ich links liegen, stattdessen versuchte ich mich mit Eiswürfeln zu kühlen. Das Energy Lab und die aufkommende Dunkelheit machten mir nichts aus. Am Ende des Queen K Highway wartete Rolf mit seinem Fahrrad auf mich und sorgte für eine nette Abwechslung auf den letzten Kilometern. Ich war selig und analysierte meine Ziele: finishen, genießen und alle Bilder für die Ewigkeit abspeichern. Gedankenblitze jagten mir durch den Kopf: durch Arnold bin ich zum Triathlonsport gekommen, dank Georg habe ich das Kraulen erlernt - jeder einzelne Trainingskilometer hatte sich gelohnt, die Intervalle auf der Tartanbahn bei Regen und Sturm, die unzähligen Runden auf der Radrennbahn mit einem ganzen Schwarm Männern in meinem Windschatten, der letzte lange Lauf mit Andreas und Klaus-Peter durch die Bittermark, Deutschland – schlaft ihr oder verfolgt ihr mich auf dem Live Ticker, ich habe es gleich geschafft.... Endlich tauchten die Lichter von Kona auf. Es ging die Palani Road hinunter, aua -, trotzdem schön-, unzählige fremde Menschen riefen mir zu: “Ten thirtysix (meine Startnummer) – good job!“ – der Standardanfeuerungssatz auf Hawaii. Großartig, viel zu schnell lief ich die letzten 2 Kilometer, Rolf musste ordentlich in die Pedale treten – ich war im Rausch. Jede Hand wurde von mir abgeklatscht und dann sah ich mich auf der Großleinwand. Das Ziel gehörte mir ganz alleine!!! Der Teppich, die Rampe und dann der Satz: „Änkiiii Klimm from Germany – you are an ironman!“ Mike Reilly sagte den Satz an diesem Tag 1700 mal. Die ganze Last des Tages fiel von mir ab – ich war überglücklich.

Geschafft – ich habe die Finish Line bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii überquert!!!
Einmalig... unbeschreiblich.... ein Traum eines jeden Triathleten.... Zwei nette Helfer nahmen mich in Empfang und legten mir die begehrte Lei-Blumenkette um.
Plötzlich hörte ich meinen Namen. Claudia hatte es irgendwie geschafft an der Finish Line zu stehen. Wir umarmten uns und ein Helfer machte ein Foto. Glück pur! Die Massage hatte ich mir verdient und danach wurde die Zielverpflegung geplündert .
Da Angehörige in den Zielbereich dürfen und Claudia und Rolf ebenfalls einen anstrengenden Tag hatten, versorgte ich sie mit Pizza und Sahnekuchen. Das ist amerikanische Zielverpflegung. Die Helferin staunte nicht schlecht, als ich zum dritten mal 6 Pizzastücke nahm. 226 km machen hungrig!
Die Medaille und das Finisher-T-Shirt bekommt man in einem Umschlag ausgehändigt, o.k. alles ist eben auch nicht so toll auf Hawaii. Die Urkunde gibt es sogar erst am nächsten Tag. Zeiten und Platzierungen erfährt man nur über
das Telefon aus Deutschland.

Nachdem wir im Hotel geduscht hatten, sind Rolf und ich noch mal zum Zielbereich gefahren, Claudia war zu kaputt, aber ich wollte den Tag noch ein Weilchen genießen und die Gänsehaut spüren, wenn die letzten Läufer das Ziel erreichen. Nach 17 Stunden werden sie fast noch euphorischer begrüßt als die Sieger. Es gibt bestimmt schönere Wettkämpfe, aber der Mythos lebt nur auf Hawaii. Es war soooo toll!

Die verbleibenden 5 Tage haben wir noch mal genutzt, Big Island zu erkunden und die Seele baumeln zu lassen. Ich konnte zwar kaum laufen, aber Treppen kann man auch rückwärts runter gehen. So besuchten wir eine Orchideenzucht, eine Kaffeeplantage (der Kona-Kaffee ist einer der besten der Welt), erkundeten den Vulcanopark und sahen den Kilauea Krater Rauch spucken, erwanderten die Tropenwelt rund um die Akaka Wasserfälle und den schwarzen Strand von Punaluu, die Stadt Hilo und die größte Ranch in den USA. Big Island ist vielseitig und sehr schön.

Der Ironman auf Hawaii hat all meine Erwartungen erfüllt. Ich würde gerne noch einmal, mit Uli als Begleiter und der LT-Bittermarkfahne im Gepäck, auf der Insel starten. Als Ziel setzte ich mir dann ein Daylight Finisher, Endzeit unter 11.00 Stunden, zu werden. Bis dahin wird hart trainiert, aber ein paar Jahre dürfen gerne verstreichen.

Bedanken möchte ich mich bei all den Menschen, die mir geholfen haben, die mich unterstützt und mitgefiebert haben, die mir die Zeitungsberichte, Fernsehauftritte, den Radiobesuch und die aufregende Zeit ermöglicht haben und mir den Erfolg gegönnt haben!!!
Hang loos (hawaiianisch „alles wird gut“)...

Anke Klimm