08.06.2001 Biel 100 Km  - Margarete Noffke

Von einer, die auszog ...
BIEL zu erobern

Am Mittwoch, 6.6.2001, war es soweit: wir fuhren nach BIEL, zum legendären "100er". Außer Horst und mir wollten noch weitere Bittermärker teilnehmen: Wolf, der die Strecke zum zweiten Mal in Angriff nahm und die "Neueinsteiger" Ralf und Jens.
Wir fuhren etwas traurig, denn Horst hatte sich 10 Tage vorher verletzt und konnte nicht starten. Aber er wollte sein Fahrrad mitnehmen und uns dann unterwegs "antreiben".

Als wir in Biel ankamen, war der Sportplatz, auf dem man campen kann, schon gut gefüllt. Wohnmobile, Wohnwagen, Zelte. Kurz nach uns kamen unsere Lauffreunde Gerd und Gudrun. Wir freuten uns über das wunderbare Wetter, spazierten zur Messe und zum Kilometer-Schild "99" und waren guter Dinge. Nachts wachte ich auf und traute meinen Ohren nicht: der Regen prasselte auf das Dach unseres Wohnmobils! Aber es war ja noch soooo lange bis zum Start. Freitag nachmittag kamen Ralf und Wolf, saßen erst etwas im Mobil und gingen dann samt Schlafsack in die Halle, um sich das Treiben anzusehen und sich noch ein bißchen auszuruhen. Das war bei uns schlecht möglich, weil ich mit meiner Hibbeligkeit alle verrückt machte. Aber so ist das immer und am Start bin ich dann die Ruhe in Person.

Inzwischen hatte es sich eingeregnet, wir stellten uns auf eine feuchte Nacht ein. Angetan mit einer langen Hose, einem Fahrradtrikot, in dessen Taschen ich Powerbar, Magnesium und eine Taschenlampe verstaute, einer Regenjacke, Mütze und in einen modischen Müllbeutel gehüllt, stand ich dann um kurz vor 22.00 Uhr am Start. Wolf und Ralf noch schnell Glück gewünscht und dann auf die Suche nach bekannten Gesichtern gemacht, aber in dem Getümmel war niemand zu finden.

Ich hatte sehr gut trainiert. Neben den langen "Bittermark-Läufen" standen die Harzquerung über 51 km bei scheußlichem Regenwetter, der Minden-Marathon und der Eifel-Marathon auf dem Plan. Alle Läufe stand ich ohne Probleme durch, so daß ich guten Mutes auf die Strecke ging. Es war ein kleines Jubiläum, mein 5. Start in Biel. Meine Bestzeit erzielte ich 1997 in 13:07 Stunden.

Punkt 22.00 Uhr machte sich die Karawane aus Läufern, Wanderern und Marschierern auf den Weg. Es regnete nicht mehr! Weg mit dem Müllbeutel!
Zunächst geht es durch die Stadt, am Hafen vorbei und dann durch Felder, Wälder und kleine Ortschaften in einer großen Schleife zurück nach Biel. Zielschluß ist nach 22 Stunden.
Nach einem guten Kilometer traf ich Werner Sonntag, einen bekannten Langstreckenläufer und Journalisten, dessen Buch "Irgendwann musst Du nach Biel" zum geflügelten Wort unter den Ultraläufern wurde. Er gewann übrigens seine Altersklasse, M75 (!!!) in 13:15 Stunden.
Gegen 23.30 Uhr begann es wieder zu regnen, aber wenn ich einmal laufe, macht mir der Regen nichts mehr aus. Nach gut 16 km hatten wir die Holzbrücke von Aarberg erreicht. Bei gutem Wetter ist dort eine Riesenstimmung, aber bei diesem scheußlichen Wetter tummelten sich dort nur einige Hartgesottene. In der "Nacht der Nächte" ist in Biel Freinacht, das heißt, alle Gasthöfe haben geöffnet, an langen Holztischen sitzen die Leute und feuern die Läufer und Wanderer kräftig an. Das konnte man bei Dauerregen getrost vergessen, obwohl ab und zu in den Ortschaften einige Unentwegte mit Schirmen bewaffnet standen.
Ich lief in meinem 7-Minuten-Tempo vergnügt vor mich hin, und plötzlich war schon Kilometer 38,6 km, der Verpflegungspunkt Oberramsern und somit auch die erste Teilstrecke erreicht. Es ist nämlich auch an die Läufer gedacht, die sich 100 km nicht zutrauen. Sie können an 3 Stellen (bei km 38,6, km 58,9 und km 82,2) aussteigen und kommen in die Teilstreckenwertung. Ich rührte mein Magnesium in den Tee, aß ein Stück Powerbar und weiter ging es, auf den 40. Kilometer zu. Insgesamt sind auf der Strecke 17 Verpflegungspunkte eingerichtet, alle gut bestückt mit Wasser, Tee, Isostar, Bananen, Brot ...

Die Hälfte hatte ich nach 6:12 erreicht und ich fühlte mich noch topfit. In einer Stunde musste es hell sein, darauf freute ich mich schon. Ich benutzte häufig meine Taschenlampe, weil vom Vollmond bei dem Sauwetter natürlich nichts zu sehen war.
Der nächste große Verpflegungsposten (und die 2. Teilstrecke) war Kirchberg bei km 58,9. Ich holte mir eine Bouillon und ein Stück Brot, setzte mich auf eine der Holzbänke und guckte mir das Treiben an. Oh je, da saßen viele jammervolle, durchgefrorene Gestalten, in Decken gehüllt, und hatten den Lauf beendet. Zum Teil waren sie viel zu dünn angezogen und dadurch total ausgekühlt.
Ich machte mich auf zum "Ho-Tschi-Minh-Pfad". Er ist ca. 8 km lang und die schnellen Läufer fürchten ihn, weil er steinig, schmal und dann auch noch stockdunkel ist. Ich erreiche ihn aber, wenn die Sonne aufgeht und die Vögel zwitschern und das ist so schön, dass ich es nicht beschreiben kann. Diesmal war natürlich nichts mit Sonnenaufgang, nur Regen,. Regen, Regen, aber was soll's!
Dafür spürte ich etwas anderes, und zwar urplötzlich fürchterliche Schmerzen in der rechten Hüfte. Bei der nächsten Verpflegungsstation rührte ich wieder Magnesium in den Tee, aber die Schmerzen nahmen zu. Na gut, dachte ich, wandern ist angesagt. So ging es bis Kilometer 80. Die glatten Strecken lief ich ganz langsam, die Berge ging ich. Das heißt, humpelte ich wahrscheinlich, denn zweimal hielt der Sani-Wagen, aber ich erklärte, dass ich zur Not bis zum Ziel marschieren würde, wenn ich nicht mehr ans Laufen käme. Irgendwann kam ich an der 3. Teilstrecke, Gossliwil bei km 82,2, an. Die letzte Gelegenheit, auszusteigen. Ich humpelte vorbei. In ca. 4 Stunden wäre ich im Ziel, auch wenn ich nur noch gehen würde. Dann kam der Ort Arch, mit seinem steilen Abstieg. Ein Läufer sagte mal „in Arch wird’s arg“. Daran musste ich denken, als ich vorsichtig, mal vorwärts, mal rückwärts, den Berg hinunterschlich. Ich wußte, unten stand Horst mit dem Fahrrad und wartete auf mich und unten war auch ein Verpflegungspunkt. Dort wärmte ich mich erst mal kräftig auf, weil ich durch die Geherei total durchgefroren war. Ich traf dort auf einen anderen frierenden Läufer, der aufgeben wollte. Ich fragte ihn, ob er muskuläre Probleme hätte oder nur frieren würde, denn gegen das Frieren würde ein heißer Tee helfen und dann weiter, knapp 15 km bis zum Ziel. Er blieb sitzen und ich machte mich wieder auf den Weg. Horst guckte besorgt und meinte, es sei wohl besser, wenn ich aufhören würde. Nein, und wenn ich 17 Stunden brauche, ich will ins Ziel! Inzwischen suchte ich aber schon jede Gelegenheit, mich kurz hinzusetzen und mein Bein auszustrecken. Der Läufer, der eigentlich aufgeben wollte, kam strammen Schrittes auf mich zu, als ich gerade wieder auf einem Poller saß, umarmte mich und sagte: "Danke, dass Du mich so aufgebaut hast, das werde ich nie vergessen! Ich warte im Ziel auf Dich". Ich hoffe, er hat es nicht getan, dann steht er jetzt noch dort. Inzwischen fror ich erbärmlich und mir war schlecht vor Schmerzen, aber das wollte ich natürlich nicht zugeben. Ich zeterte mit Horst herum, dass er, statt die Zeit bei mir zu verplempern, lieber dafür sorgen sollte, dass ich im Wohnmobil heißes Wasser zum Duschen hätte. Irgendwann trollte er sich und ich schlich auf Kilometer 89 und somit auf mein Laufende zu. Dort erwischte es mich dann nämlich. Ich nahm einen Becher Tee und habe dermaßen gezittert vor Kälte und alles verschüttet, dass eine der Helferin hinter dem Tisch hervorgesaust kam, mich am Arm packte, auf einen Stuhl verfrachtete und per Handy einen Sani rief. Dann wurde ich in Decken verpackt und wartete heulend auf meinen Abtransport. 11 Kilometer vor dem Ziel!!! Während ich dies schreibe, muss ich schon wieder heulen.

Am Sonntag ging es mir wieder gut und ich habe mein "nie wieder" schon in ein "vielleicht im nächsten Jahr" abgeschwächt.

Wolf und Ralf haben es natürlich super geschafft!!!!!!

Margarete Noffke

PS: Der Masseur erklärte mir am Dienstag, dass meine Muskeln durch die Nässe und Kälte "zugemacht" hätten und wahrscheinlich ein ABC-Pflaster geholfen hätte. Nie wieder gehe ich ohne in einen langen Lauf!!!!